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Wie reich sind wir wirklich?



Die Deutschen und mit ihnen die anderen Bewohner der Eurozone werden zur Zeit atemberaubend schnell reicher, ohne dass ihnen das so recht bewusst ist.

Während im Jahr Mai 2001 die Deutschen über ein Bruttoinlandsprodukt von 22.500 US-Dollar pro Kopf verfügten, sind sie jetzt mit 31.275 Dollar ganze vierzig Prozent reicher. Während 2001 die Amerikaner mit nur 35.200 Dollar ganz erheblich reicher waren als die Deutschen, dürfte die Ziffer gegenwärtig nahe an 37.000 Dollar liegen. Damit haben die Deutschen nunmehr 85 Prozent des amerikanischen Reichtums erreicht.

Das Mirakel hat natürlich der Wechselkurs Dollar-Euro vollbracht. An der Kaufkraft des Einkommens hat sich wenig geändert.

Während 2001 die Kaufkraft der 22.500 Dollars der Deutschen 26.300 Dollars ausmachte weil Deutschland um 17 Prozent billiger war als die USA, ist nun alles umgekehrt. Nunmehr ist Deutschland um 19 Prozent teurer als die USA, und dieser Faktor mindert die Kaufkraft hierzulande.

Wie man sieht, ändert sich die Rangfolge des nominalen Reichtums der Länder mit dem Wechselkurs, während sich die Kaufkraftparitäten des Wohlstands nur allmählich verschieben. Waren die USA 2001 nominal das drittreichste Land der OECD nach Luxemburg ($43.000) und Norwegen ($37.200) so wurden sie jetzt auch von der Schweiz und Irland überholt. Die gesamte Eurozone hat ein Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf von 28.900 Dollar erreicht, also knapp vier Fünftel des amerikanischen Reichtums. Mit 303 Millionen Einwohnern ist die Eurozone rund 9 Prozent grösser als die USA mit 278 Millionen (2001). Damit ist das gesamte Brutto-Inlandsprodukt der USA nur mehr rund 12 Prozent grösser als das der Eurozone.

Steigt der Euro gegenüber dem Dollar weiter, so könnte über Nacht die Eurozone der nominal grösste Wirtschaftsblock der Welt werden, vor den USA und vor Japan, dessen Wirtschaft und Wechselkurs schon seit Jahren dahindümpeln.

Fest gemauert und unerschütterlich steht freilich seit der Mitte der neunziger Jahre in der Presse das Bild von Amerika als der Wirtschafts-Supermacht. Noch kürzlich schrieb die Süddeutsche Zeitung (28.5.03): "Was die Vereinigten Staaten von allen anderen abhebt, ist die enorme Wirtschaftskraft. Seit mehr als einem Jahrhundert ist Amerika die reichste Nation der Welt, und inzwischen sorgt das Land für fast ein Drittel der Weltproduktion, mehr als Japan, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zusammen."

Mit rund ihren 300 Millionen Einwohnern dürften die oben genannten Länder inzwischen das amerikanische Inlandsprodukt nominal fast erreicht haben.

Man hat offenbar vergessen, dass in den letzten Jahren der Regierung Bush senior Amerika in einer tiefen Rezession steckte und Europa sich bereits voreilig grösster Wirtschaftsblock der Welt wähnte.

Wie reich sind nun die Deutschen und anderen Europäer wirklich, verglichen mit den Amerikanern?

Im Prinzip sind die Deutschen reicher, weil sie ihr Inlandsprodukt in weit weniger Arbeitsstunden pro Kopf erwirtschaften. Kalkuliert man ein, dass die Deutschen international die kürzeste Zeit pro Jahr mit Arbeit verbringen, so ist die deutsche Arbeitsproduktivität (also Wertschöpfung pro Stunde) wesentlich höher als die amerikanische, wo 40 bis 50 Wochenstunden bei minimalem Urlaub die Regel sind. Erkauft wird Deutschlands hohe Arbeitsproduktivität mit hoher Arbeitslosigkeit.

Das Geheimnis des hohen Inlandsprodukts pro Kopf in der Schweiz und in Japan ist zum Teil übrigens auch in der unverändert hohen Zahl gearbeiteter Wochenstunden zu suchen.

Theoretisch steigt Arbeitsproduktivität dank technischen Fortschritts. Praktisch ist aber gerade in Deutschland die Produktivität vor allem durch Verteilung der Arbeit auf weniger Arbeitskräfte gesteigert worden. Indem man weniger Leute härter fordert, steigt in der Regel in Zeiten der Rezession oder Stagnation die Produktivität rasch an. Optimistische Pressemeldungen über steigende Arbeitsproduktivität liest man daher besser in Spiegelschrift.

De facto sind also die beschäftigten Deutschen reicher als die beschäftigten Amerikaner; die Millionen unbeschäftigter Deutschen trüben freilich das schöne Bild. Rechnet man auf Basis der gearbeiteten Jahresstunden, dann ist Amerika die Produktivität zwar geringer, die Beschäftigung aber viel höher.

Man sollte also vermuten, dass kontinuierliche Arbeitszeitverkürzung zunächst zu wirtschaftlicher Stagnation und dann zu Rezession mit Massenarbeitslosigkeit führt. Dem ist freilich nicht ganz so, denn ab einer gewissen Grenze ermuntert Arbeitszeitverkürzung zur Aufnahme einer Zweitbeschäftigung, häufig in Form von Schwarzarbeit, um die übermässig vorhandene Freizeit sinn- und geldbringend zu nutzen. Das bringt den "Arbeitsbesitzern" einen weiteren Vorteil gegenüber den Arbeitslosen, deren Zahl sich durch Arbeitszeit-Verkürzung nicht wesentlich mindert.

Ein Grossteil dieser Freizeit-Nebenbeschäftigungen entzieht sich der Statistik: je höher die Steuersätze und je rigider die Arbeitsgesetzgebung, desto grösser wird die informelle Wirtschaft, deren Dynamik ja viel höher ist als die der offiziellen Wirtschaft, da sie sich ungehemmt von Regeln und Abgaben entfaltet,

In Italien, einem Land mit extrem früher Pensionierung und geringen Wochenstunden, wird der Anteil des informellen Sektors am wirklichen Inlandsprodukt auf dreissig bis vierzig Prozent geschätzt. Das bedeutet: die Italiener sind wesentlich reicher, als die OECD-Statistik erwarten lässt.

Deutschland entwickelt sich rasch in diese Richtung. Trägt man der wachsenden Rolle des informellen Sektors Rechnung, so ist Deutschlands Wirtschaft vermutlich wesentlich dynamischer als die Zahlen des Statistischen Bundesamts verraten. Das könnte erklären, warum trotz Stagnation und pessimistischer Stimmung der demonstrative Verbrauch (neue, elegante Autos, kostspielige Hobbies, grössere Wohnungen und Häuser) floriert.

Die fortschreitende Lebens- und Wochenarbeitszeit-Verkürzung ist fatal für den Staat, denn sie funktioniert als Steuersparmodell. Je weniger Lebenszeit mit offizieller Arbeit verbracht wird, desto geringer ist die individuelle Steuerleistungspflicht. Der verzweifelte Staat rächt sich, indem er die Steuerlast je Arbeitsstunde und Einkommenseinheit erhöht bis zu der Schwelle, ab der sich nach individuellem Empfinden offizielle Arbeit garnicht mehr lohnt und grosse Teile des Lebens oder ein ganzes Leben im informellen Sektor verbracht werden.

Während sich der Finanzminister freut, wenn Löhne und Gehälter steigen, weil dadurch progressiv mehr Steuern abgeführt werden, sollte er nachdenklich werden, wenn die Arbeitszeit verkürzt wird, denn dies könnte zu einem progressiven Anwachsen des informellen Sektors führen. Ist schon viel Freizeit vorhanden, so könnte die letzte Wochenstunde mehr die Waage zugunsten eines informellen Zweit- oder Drittjobs ausschlagen lassen, oder gar zum "aussteigen" reizen. Ähnlich verhält es sich mit der Frühverrentung. Ein gesunder Mittfünfziger wird sich kaum damit begnügen, den Kinderwagen des Enkels zu schieben.

Diese typisch europäischen Eigenheiten und ihre Konsequenz — die wachsende Bedeutung des informellen Sektors — müssen im internationalen Vergleich einkalkuliert werden.

Auch Amerika hat, wie jedes Land, seinen informellen Sektor, der jedoch wegen des geringen Steuerdrucks und der relativen Freiheit des Arbeitsmarkts kleiner ist. Illegale Einwanderer und Gelegenheitsarbeiter auf Wohlfahrt sind die wichtigsten Akteure.

Es wäre interessant, die "wirklichen" Inlandsprodukte pro Kopf der europäischen Länder zu ermitteln und mit denen der USA und Japans zu vergleichen. Dann würde sich nämlich wirklich zeigen, wer wie reich ist.

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—— Heinrich von Loesch